#freieszene: Hoftheater Bergkirchen

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.

Diese Woche: Das Hoftheater Bergkirchen

“Frau Luna”, Copyright: Hoftheater Bergkirchen

Wo liegen die Schwerpunkte eurer Arbeit? Wie würdet ihr euer künstlerisches Profil beschreiben?

Wir sehen uns als ein kleines “Stadttheater auf dem Lande”. Wir möchten unserem Publikum gern eine möglichst große Bandbreite bieten. Bis auf Ballett machen wir auf unserer kleinen Bühne nahezu alles (Schauspiel, Musiktheater, Jugendstücke, Lesungen, Jazzkonzerte, Chansonabende…) in einem ganzjährigen Repertoirespielplan und mit einem überwiegend festen und professionellem Ensemble. Unser Markenzeichen sind unsere Bearbeitungen unterhaltender Stücke, von Klassikern und musikalischen Werken, die eigentlich für größere Bühnen geschrieben wurden. So entstehen besondere Abende, die von unserem Publikum sehr geschätzt werden. Besonders hervorzuheben sind auch unsere musikalischen Soloabende mit Chansons. Außerdem spielen wir selbst zusammengestellte Revuen zu verschiedenen Themen wie dem Wiener Caféhaus, der Zeit der Weimarer Republik, den 50er Jahren oder dem Kampf der Geschlechter.

Seit wann besteht euer Theater und wie hat sich dieses seit der Gründung gewandelt?

Das Hoftheater Bergkirchen gibt es seit 2005. Wir sind mitten auf dem Dorf in einem ehemaligen, umgebauten Kuhstall auf einem Biobauernhof in Bergkirchen im Landkreis Dachau bei München. Das Hoftheater Bergkirchen wurde damals von uns als feste Spielstätte und als Theaterheimat für das Ensemble der Neuen Werkbühne München gegründet. Dieses ist ein seit 1968 existierendes Tourneetheater für die Schulen in Bayern und Österreich. Seit 2005 ist der Spielbetrieb geteilt – in Abendvorstellungen im Hoftheater und den Tourneebetrieb in den Schulen Bayerns. Von Anfang an waren die Leute neugierig auf uns. Dabei kommt uns zugute, dass das Interesse an Theater im Landkreis allgemein sehr hoch ist. Das sieht man auch an den vielen Laiengruppen. Über die Jahre hat sich ein großer Anteil Stammpublikum entwickelt. Die Leute schätzen neben dem künstlerischen Profil die Besonderheit des Raumes, der ja kein klassischer Theaterraum ist. Durch die räumliche Nähe zwischen Bühne und Zuschauer*innen ist auch eine große Nähe zwischen Publikum und Künstler*innen entstanden. Man kennt und schätzt sich gegenseitig. Wir sind in Bergkirchen und in der Region vollständig angekommen und anerkannt.

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in eurer künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Kein einzelnes Projekt, eher eine etwas verrückte Liebe. Von Zeit zu Zeit “gönnen” wir uns großes Musiktheater auf unserer vier mal vier Meter kleinen Bühne. 2011 haben wir hier mit 20 Darsteller*innen “My Fair Lady” gespielt. 2019 war es “Die Fledermaus” mit großem Ensemble. Diese Spielzeit steht “Frau Luna” auf dem Plan. Hier werden alle Rollen von nur vier Darsteller*innen übernommen. Das ist nicht nur urkomisch, sondern lässt sich auch coronakonform umsetzen.

Theaterleiter Herbert Müller vor dem Hoftheater, Copyright: Hoftheater Bergkirchen

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtet ihr Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Als zwar zum Teil institutionell gefördertes, aber dennoch freies Ensemble hoffen wir sehr, in den Jahren nach der Corona-Pandemie nicht im Kampf um öffentliche Zuschüsse zwischen kommunalen Bühnen und freien Gruppen zerrieben zu werden. Wenn Politiker*innen bereits beginnen, wieder von “freiwilligen Aufgaben” zu sprechen, klingt das in unseren Ohren gefährlich. Unsere Hoffnung ist, dass die Politik und die regionalen Körperschaften unsere Theaterlandschaft, die einmalig ist in Europa, ungeschmälert erhalten. Wir sind eh’ nicht auf Rosen gebettet. Jede Kürzung einer Förderung bringt uns freie Theater an die Grenze der Existenz.

Wie sieht euer aktueller Spielplan aus? Welche “Highlights” erwarten das Publikum und wie gestaltet sich die Realisierung unter den bestehenden Auflagen?

Seit dem 11. Juni spielen wir wieder bei uns im Hoftheater. Gestartet sind wir mit der Bürokomödie “Maier, Wagner, Schmitt” von Stephan Eckel. Dies vor 35 anstelle 85 Zuschauer*innen und dafür teilweise in Doppelvorstellungenund mit den üblichen Hygienemaßnahmen, wie FFP2-Masken, Abständen etc. Das hat so schon im vergangenen Herbst gut funktioniert. Ab Mitte Juli spielen wir Open Air in Lauterbach, einem Ortsteil von Bergkirchen. Seit einigen Jahren schon spielen wir dort Sommertheater auf einer kleinen Freilichtbühne. In diesem Jahr wird es zur Feier der Wiedereröffnung sogar ein kleines Sommerfestival geben: “Servus Bergkirchen!” Bis Anfang August spielen wir Nestroys “Der Zerrissene” als buntes Spektakel mit Livemusik. Außerdem haben wir Künstler*innen aus der Region zu Gastspielen eingeladen und die VHS Bergkirchen gestaltet vier spannende Abende mit der Reihe “1700 jüdisches Leben in Deutschland”.
Unser Programm ist zu finden unter www.hoftheater-bergkirchen.de.

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