#freieszene: 12 Stufen Theater Kleinostheim

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer neuen Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.

Diese Woche: Das 12 Stufen Theater in Kleinostheim (Interviewpartner*innen: Agnieszka und Torsten Kleemann)

Copyright: 12 Stufen Theater Kleinostheim

Wo liegen die Schwerpunkte eurer Arbeit?

Unser Schwerpunkt liegt beim Sprechtheater. Für unseren kleinen 12 Stufen Theaterkeller produzieren wir Solos oder Zwei-Personen-Komödien mit Tiefgang und  gelegentlich Dramen oder ausgefallene Projekte mit Schwerpunkt auf Sound Design, Tanztheater, oder (früher) Akrobatik. Gleichzeitig bieten wir moderne Dramen im Stadttheater Aschaffenburg an, arbeiten kreativ mit Jugendlichen und Senior*innen, und bauen aktuell an unserer ersten Open Air-Spielzeit mit Abendtheater, Kindertheater und unserer ersten Konzertwoche.

Seit wann besteht euer Theater und wie hat sich dieses seit der Gründung gewandelt?

Als Schauspieler*innen stehen wir beide seit ca. 20 Jahren auf der Bühne. In dieser Zeit waren wir u.a. Teil verschiedener freier Ensembles, waren beteiligt am Aufbau des Erthaltheaters Aschaffenburg und gehörten zum Kernensemble des Märchentheaters Aschaffenburg.
Als Schauspieler-Ehepaar haben wir uns für die Region entschieden, für ein echtes soziales Netzwerk und vor allem für einander. Wiederholte Impulse aus unseren Zuschauer*innen-, Familien- und Freundeskreisen bestärkten uns in der Idee, etwas wirklich Eigenes zu gründen. So haben wir schließlich im Herbst 2013, nach vielen Monaten DIY-Baustelle,  in einem Gewölbe aus dem 15. Jahrhundert das 12 Stufen Theater Kleinostheim eröffnet, das vermutlich kleinste professionelle Sprechtheater in Deutschland. Der Raum mit 31qm bietet Platz für 24 Zuschauer*innen.
Zu Beginn standen wir vorwiegend selbst auf der Bühne, doch die Zuschauerzahlen waren stabil und so suchten wir später auch die Zusammenarbeit mit anderen Kolleg*innen. Mittlerweile haben wir große Freude daran gefunden, selbst jungen Schauspiel-Nachwuchs für unsere Bühne heranzuziehen.

Copyright: 12 Stufen Theater Kleinostheim

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in eurer künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Natürlich nimmt unser eigenes Theater in unseren Herzen den größten Raum ein. Da unser Theater sehr klein ist, erwarten wir nicht, in der kommenden Spielzeit aufmachen zu dürfen. Wir bleiben geschlossen, solange der Mindestabstand eingehalten werden muss.
Daher ist es ein enorm großes Thema und sicher eine Herausforderung, unser komplettes Geschäft nahezu neu aufzubauen und umzustrukturieren. Da 90% unserer normalen Arbeitsbereiche auf unbestimmte Zeit blockiert sind, erfinden wir uns gerade nach vielen Jahren neu. Die Idee, mit unserem Spielplan komplett auf Open Air umzusteigen, an ungewöhnlichen Orten zu spielen und Einladungen zu folgen und das Freiluft-Theater als Konzept für die kommenden Jahre einzurichten, ist eine spannende und große Aufgabe.

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtet ihr Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Alle Seiten, insofern man von diesen sprechen möchte, sollten weiterhin frei von Vorwürfen und Attacken konstruktiv miteinander kommunizieren. Was hilft tatsächlich? Was tut gar nicht gut? Wir befinden uns alle in einer bisher nie dagewesenen Situation und die Politik probiert genauso, Lösungsansätze zu finden wie die Kreativen Wege suchen, ihren Berufen nachzugehen.
Von der Gesellschaft allgemein zu sprechen ist schwierig. Wir erlebten Loyalität und Unterstützung von vielen Seiten, doch gerade in den sozialen Medien liest man von Spott oder Gehässigkeit.  Mit etwas Rücksicht auf die gegenseitige Lage wäre sicher allen geholfen.
In jedem Fall wäre es ein großer Schritt, wenn die Medien (alle Medien) etwas mehr daran interessiert wären, Hoffnung zu vermitteln statt sensationshaschende Schlagzeilen zu generieren.

Wie kann man euch und eure Arbeit aktuell unterstützen?

Aktuell kann man unsere Arbeit nicht unterstützen. Der Sommerspielplan befindet sich noch in Wartestellung und digitale Angebote möchten wir nicht anbieten. Wir sehen uns als „Live on stage“-Performer*innen und glauben fest an die Zukunft der Bühne in Deutschland, und hoffentlich auch überall.
Einen ersten Ausblick auf kommende Veranstaltungen findet ihr hier: https://www.12-stufen-theater.de/sommertheater-2021/.

#MITkUNSt: Kulturmanager*in / Projektleiter*in gesucht

Unsere Mitglieder von #MITkUNSt suchen eine Person, die als Kulturmanager*in bzw. Projektleiter*in ihre künstlerischen Projekte, u.a. die bundesweit hochgeschätzte Demokratiekampagne, betreut.

#freieszene: Theater Neu-Ulm

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer neuen Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.


Diese Woche: Das Theater Neu-Ulm

Copyright: Roberto Benjamini; Theater Neu-Ulm

Wo liegen die Schwerpunkte eurer Arbeit?

Das Theater Neu-Ulm ist ein Sprechtheater (geworden), welches in einer Spielzeit hundert Vorstellungen geben muss: Mit Werken der dramatischen Literatur, welche selbst produziert worden sind.

Seit wann besteht euer Theater und wie hat sich dieses seit der Gründung gewandelt?

Im Jahr 1994 als freie Bühne von Claudia Riese und Heinz Koch gegründet, hat das Theater Neu-Ulm die ersten fünf Jahre ohne jegliche Subvention einen kontinuierlichen Spielplan geboten, welcher auch Musicals, Freilichttheater und viele Gastspiele (auch Tourneen) in ganz Deutschland enthielt. Außergewöhnliche Eigenproduktionen waren ein Alleinstellungsmerkmal.

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in eurer künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Im Jahr 2012 hat das Theater Neu-Ulm das „1. Neu-Ulmer PocketKlassiker-Festival“ organisiert. Es war als Biennale gedacht. Aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung ist es bei einem einmaligen Festival geblieben. Der Traum von einer Biennale oder Triennale musste aufgegeben werden.

Copyright: Roberto Benjamini; Theater Neu-Ulm

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtet ihr Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Kunstfreiheit ist ein Grundrecht. Uns vom Theater Neu-Ulm geht es nicht in erster Linie ums Geld(-verdienen) – etwa im Sinne von Dieter Hallervorden: “Man sollte ein Theater nicht leiten, wenn man von Gewinnsucht und Geiz getrieben ist.”
Trotz jahrzehntelanger Arbeit geht es uns noch immer ums Suchen. Da halten wir es mit Nora Gomringer: “Künstler werden die meisten, weil sie etwas suchen. Wenn sie Künstler bleiben, suchen sie in der Regel immer weiter.”

Wie kann man euch und eure Arbeit aktuell unterstützen?

Zur Zeit hoffen wir, dass unsere (keineswegs üppige) bisherige Förderung weiterläuft. „Theater ohne Publikum“ haben wir als ironisches Spiel in den 1980ern schon realisiert: Da durften die Leute durch Guckfenster in den zugeklebten Fenstern ins Theater spickeln. Digitale Formate sind für uns nichts anderes, wir verstehen Theater als analoge Kunst.

Stellenausschreibungen des BFDK: Büroleitung; Mitarbeiter*innen im Projekt “Verbindungen fördern”

Der Bundesverband Freie Darstellende Künste (BFDK) sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine engagierte und organisationsstarke Büroleitung, eine Projektleitung für das Sonderprojekt Verbindungen fördern und eine Projektmitarbeit für das Sonderprojekt Verbindungen fördern und den Bereicht Projekte & Veranstaltungen für seine Geschäftsstelle in Berlin. Bewerbungsfrist: 18. April 2021. Vorstellungsgespräche (virtuell) geplant im Zeitraum 3.—6. Mai 2021.

Mehr Infos unter https://darstellende-kuenste.de/de/service/ausschreibungen/3419-bfdk-bueroleitung-projektleitung-und-projektmitarbeit-gesucht.html.

#freieszene: HochX Theater und Live Art München

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer neuen Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.


Diese Woche: Das HochX Theater und Live Art in München

Das “HochX Theater und Live Art” in München, Copyright: Jean-Marc Turmes

Wo liegen die Schwerpunkte eurer Arbeit?

Das HochX ist eine der wichtigsten freien Spielstätten in München. Seit 2016 zeigen wir Arbeiten aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik, Performance, Musiktheater, Kinder- und Jugendtheater, Figurentheater und inklusives Theater. Wir haben selbst kein festes Ensemble, sondern sind Partner und Koproduzent freier Theaterkünstler*innen, Gruppen oder Kollektive. Darüber hinaus gibt es Gastspiele der nationalen und internationalen Szene, u.a. im Rahmen verschiedener Festivals wie etwa DANCE, SPIELART oder RODEO.

Seit wann besteht euer Theater und wie hat sich dieses seit der Gründung gewandelt?

Das HochX wurde nach umfangreichen Renovierungsmaßnahmen im Herbst 2016 eröffnet. Die Spielstätte in der Entenbachstraße 37, ein Theater mit 140jähriger Geschichte, beherbergte zuvor das i-camp / Neues Theater München. Das Haus verfügt über einen Theatersaal mit 150 Plätzen, ein Foyer mit 50 Plätzen und drei Probenräume. Zudem finden Veranstaltungen im öffentlichen Raum statt. Die künstlerische Leitung haben Antonia Beermann und Ute Gröbel inne; Wolfgang Eibert ist technischer Leiter und Susanne Weinzierl Geschäftsführerin. Das HochX ist eine Infrastruktureinrichtung der Landeshauptstadt München und wird getragen vom Verein “Theater und Live Art München e.V.”.

Wodurch zeichnet sich euer künstlerisches Profil aus?

Das HochX versteht sich als Raum zur Erprobung und Entwicklung neuer Ästhetiken und Arbeitsweisen in den zeitgenössischen darstellenden Künsten. Zu unseren Zielen gehören die Professionalisierung freien Arbeitens, die Vernetzung der Künstler*innen über geographische und disziplinäre Grenzen hinweg und die Kommunikation ästhetischer Prozesse. Besonderes Augenmerk liegt für uns auf der Vermittlung: wir wollen zeitgenössische Kunst für alle erlebbar machen, Brücken bauen zwischen Künstler*innen und Publikum und zudem aktiv in die Stadtgesellschaft hineinwirken. Unser Ziel für die Zukunft ist es, das HochX zu dem in München dringend benötigten Produktionshaus weiterzuentwickeln. Ein Haus, das Soziokultur und Hochkultur, lokales Kunstschaffen und (inter)nationale Vernetzung, Öffnung und Inklusion gleichermaßen verbindet.

Das Team des “HochX”, Copyright: Jean-Marc Turmes

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in eurer künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Das Jahr 2021 ist besonders für uns, weil wir unseren fünften Geburtstag mit einer Reihe wunderbarer Veranstaltungen feiern: im Juli hat Smells of Racism von Sandra Chatterjee Premiere, die erste Produktion, die im Rahmen des freischwimmer-Netzwerks entsteht; im September folgt Hibernation, der Abschluss unserer Doppelpass-geförderten Kooperation mit der Gruppe O-Team, und schließlich eröffnet unsere internationale Koproduktion The Drying Prayers des tschadischen Choreographen Taigué Ahmed das Theaterfestival SPIELART im Oktober.

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtet ihr Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Die Corona-Krise hat uns wie alle Theater schwer getroffen. Besonders problematisch ist der Lockdown für die bei uns produzierenden freien Künstler*innen, die auf das Einkommen aus ihrer künstlerischen Arbeit existenziell angewiesen sind. Gemeinsam mit ihnen suchen wir nach Alternativlösungen, wie ihre Projekte dennoch realisiert werden können – zum Beispiel als digitales Format. Zugleich arbeiten wir weiterhin intensiv an der Verbesserung unserer Infrastruktur. Aus verschiedenen Teilbereichen des Neustart-Kultur-Programms haben wir eine Förderung in Gesamthöhe von 450.000 € erhalten, die in die Optimierung unserer technischen und betrieblichen Abläufe, in Kommunikation und Vermittlung fließen.
Was möchten wir Politik und Gesellschaft mitgeben? Die Bitte, die freien darstellenden Künstler*innen nicht zu vergessen. Sie sind das Fundament des kulturellen Lebens dieses Landes. Ihnen gehört unsere Solidarität und vor allem großzügige und unbürokratische Hilfe. Die angedrohten Kürzungen in den kommunalen Haushalten in den kommenden Jahren dürfen nicht auf Kosten derjenigen gehen, die Theaterschließungen und Berufsverbote gerade so überstanden haben.

Wie kann man euch und eure Arbeit aktuell unterstützen?

Derzeit arbeiten wir mit digitalen Angeboten, vom Online-Theater über Podcasts bis hin zu Audiowalks.
Unseren Spielplan findet ihr hier: https://theater-hochx.de/programm.html.

#freieszene: Regisseurin Gianna Formicone

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer neuen Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.


Diese Woche: Die Theaterregisseurin Gianna Formicone

Gianna Formicone, Copyright: Sarah Hieber

Wo liegen die Schwerpunkte deiner Arbeit? Wie würdest du dein künstlerisches Profil beschreiben?

Ich bin freie Theaterregisseurin, arbeite in und auch mal außerhalb von Bayern. Mein Fokus liegt auf Schauspiel, Perfomances und Internationalität. Ich mag es, Schauspiel, Gesang, Musik, Tanz, Kunst und Internationalität zusammenzubringen.

Wie hat sich deine künstlerische Laufbahn entwickelt?

2012 habe ich meine erste Regie im sensemble Theater gemacht. Seitdem habe ich insgesamt über dreißig Inszenierungen gestaltet, für Erwachsenen wie für junges Publikum. In den letzten Jahren habe ich auch meine eigenen Projekte konzipiert und entwickelt. Ich arbeite mit bereits existierenden Theaterstücken oder mit Kurztexten, Gedichten und Liedern und lasse mich von diesen für neue Projekte (Performances oder Stücke) inspirieren.

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in deiner künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Contact(less) ist ein großes Projekt für mich gewesen. Ich habe diese Performance zum Thema Kontakt in der Zeit des ersten Lockdowns konzipiert und im letzten Sommer gespielt. Eine Wiederaufnahme ist für Anfang August 2021 geplant.

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtest du Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Wir sollten endlich mit unserer Arbeit ernst- und überhaupt wahrgenommen werden. Wir können nicht so weiterarbeiten: Wir sind einfach viel zu schlecht bezahlt, werden aber von der Politik als wichtiger Bestandteil der Gesellschaft propagiert. Tatsächlich sollten wir, wie andere Bereiche, als starker Bereich der Wirtschaft anerkannt werden. Wir bewegen viel, wir beleben Städte, wir schaffen Arbeit, wir verschönern Orte, provozieren, bringen zum Denken, wir verhandeln sozialkritische, politische und aktuelle Themen, damit sie eine Sichtbarkeit bekommen.

Wie kann man dich und deine Arbeit aktuell unterstützen?

Ich bin keine große Freundin der digitalen Dimension, aber es ist tatsächlich gut, diese Alternative zu haben, damit man trotzdem Projekte realisieren und etwas verdienen kann.  Am Besten kann man uns aber unterstützen, indem man uns die Möglichkeit gibt, zu arbeiten.
Wenn es im Sommer wieder mit Hygienekonzepten losgeht, mache ich mir allerdings schon jetzt Sorgen. Wenn ich höre, dass wir am Abend noch schnell das Publikum testen sollen, frage ich mich, wie wir das gewährleisten können und wer das am Ende bezahlt. Schwierig ist diese Situation vor allem für uns Einzelkünstler*innen. Diese so sensible und riesige Verantwortung zu übernehmen, gehört eigentlich nicht zu unserer Arbeit!

Zum erneuten Lockdown bis Mitte April

So schnell kann es gehen: Eben haben wir noch den “Stufenplan” und die geplanten Öffnungen ab 22.03. diskutiert, nun befinden wir uns wieder im Lockdown. Wie es nach dem 12. April weitergehen wird, lässt sich noch nicht absehen.
Wir hoffen aber auf langfristige Perspektiven für die Kulturlandschaft – nicht zuletzt, da das RKI die Infektionsgefahr in Theatern, Kinos und Museen in einem aktuellen Bericht als “niedrig bis moderat” einstuft.

#freieszene: Theater Kunstdünger Valley

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer neuen Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.

Diese Woche: Das Theater Kunstdünger in Valley (Interviewpartnerin: Gründerin Christiane Ahlhelm)

Theater Kunstdünger: “Der Mond zu Gast”, Credits: Manfred Lehner

Wo liegen die Schwerpunkte eurer Arbeit? Wie würdet ihr euer künstlerisches Profil beschreiben?

Das Theater Kunstdünger möchte einem jungen Publikum Freude am Mitdenken, am Mitfühlen und unerschrockenen Leben geben.

Seit wann besteht euer Theater und wie hat sich dieses seit der Gründung gewandelt?

Nach der Schauspielschule, sieben Jahren “Abendprogramm” sowie zwei eigenen Kindern erfolgte die Gründung des Theaters Kunstdünger im Jahr 2000. Unsere Schwerpunkte waren schon immer mobiles Theater, Bildersprache und Komik. Es gab eine Phase der Eigenproduktionen mit viel Mut, Chaos und wenig Auftritten. Dann bekanntere Stücke, vor allem Märchen, mit Mut, weniger Chaos und mehr Auftritten. Jetzt konzentrieren wir uns erneut auf eine Eigenproduktion – gut gefördert mit heimlichem Chaos.

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in eurer künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Es gab einige sehr persönliche Begegnungen (teilweise direkt im Stück) mit unserem jungen Publikum, das unsere Stücke so ernst verfolgt hat und so tief in unsere Stücke eingetaucht ist, dass uns unser Beruf tatsächlich als Berufung erschienen und die Kraft von Theater am eigenen Leib bewusst geworden ist.

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtet ihr Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Die jungen Menschen sind unsere Zukunft und Gegenwart. Sie sollten Theater wieder als Lerninhalt und Methode erfahren dürfen – als im Gegensatz zu anderen Ansätzen wesentlich sinnlicheres (und dabei bezahlbares) Konzept.
Von Politik und Verwaltung wünschen wir uns einfachere Anträge, ein Ende des “Flickenteppichs” aus Abrechnungsmethoden und eine effektivere Verwaltung. Künstler*innen sollten sich nicht ständig ausweisen und erklären müssen, wenn sie gleichzeitig in der KSK sind und dort eigentlich “verwaltet” werden.
Nicht nur angesichts der gegenwärtigen Krise erscheint uns die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens als sinnvoller Schritt.

Wie kann man euch und eure Arbeit aktuell unterstützen?

Wir freuen uns darauf, unser Publikum bald wieder begrüßen zu dürfen!
Eine Übersicht unserer Spieltermine findet ihr hier: https://www.theater-kunstduenger.de/spieltermine/.

Gefördert – und jetzt? Gruppenberatung des Theaterbüros München und des vfdkb

Am 25.03. von 16 bis 18 Uhr findet ein virtueller Beratungsworkshop für durch “Neustart Kultur” Geförderte statt, den wir gemeinsam mit dem Theaterbüro München organisieren.

Dabei wird es um die zentralen Fragen gehen, die sich Geförderte jetzt beantworten sollten, z.B.: Was bedeutet es, Projektträger*in zu sein? Wie geht man mit Bundesgeldern um? Wie bereitet man schon im Prozess die Abrechnung vor?

Die Teilnahme ist begrenzt, Anmeldungen sind möglich via Mail an hello@theaterbueromuenchen.de

Wir freuen uns auf den Austausch mit unseren Mitgliedern, Vertreter*innen der bayerischen Kulturszene und natürlich den Münchner Kolleginnen.

Mehr Infos unter https://theaterbueromuenchen.de/2021/03/25/gefoerdert-und-jetzt-gruppenberatung-online/.

#freieszene: Metropoltheater München

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer neuen Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.

Diese Woche: Das Metropoltheater in München.

Das Metropoltheater in München

Wo liegen die Schwerpunkte eurer Arbeit? Wie würdet ihr euer künstlerisches Profil beschreiben?

Unser Hauptanliegen ist es, Stücke zu zeigen, die gesellschaftspolitische Relevanz haben, und diese in bildstarken Produktionen auf die Bühne zu bringen. Wir möchten eine Geschichte erzählen und die Gedanken und Fantasie unserer Zuschauer anregen. Das Theater ist für uns ein Ort für politische Auseinandersetzung und Reflexion über unsere soziale Wirklichkeit, der Raum gibt für die vielen Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß, für die oftmals im Leben draußen kein Platz und keine Zeit ist. Vor allem aber ist es ein Ort der Erinnerung, nicht nur das Erinnern an unsere Geschichte, sondern ein Ort, der uns erinnert, wie es sich anfühlt, lebendig zu sein.

Seit wann besteht euer Theater und wie hat sich dieses seit der Gründung gewandelt?

Das Metropoltheater wurde 1998 gegründet, in einer Zeit, in der freie Theater in München eher schließen mussten als eröffnet wurden. Allen Unkenrufen zum Trotz („haltet ihr nicht durch“, „viel zu weit vom Stadtzentrum weg, da kommt keiner“, etc.) gehen wir nun also ins 23. Jahr. Unser Förderkreis, der Freundeskreis Metropoltheater München e.V., hat uns von Anfang unterstützt – inzwischen ist er der mitgliederstärkste Kultur-Förderverein Münchens. Kontinuierlich haben wir die Zahl der Vorstellungen und Gastspiele gesteigert, mittlerweile gastieren wir mit unseren Produktionen regelmäßig nicht nur in Bayern, sondern auch im Rest der Bundesrepublik, in Österreich, der Schweiz, Südtirol usw. In der Auswahl unserer Stücke sind wir immer politischer, gesellschaftlich relevanter geworden – wir wollen die sozialen Strömungen aufgreifen, zur Diskussion stellen, Missstände aufzeigen und Stellung beziehen, auf der Bühne aber auch hinter den Kulissen, sei es durch regionale, ökologische Produkte, die wir in unserem Cafébetrieb verwenden, die Verlegung unserer Konten zu einer grün-sozialen Bank, den Umbau zur Barrierefreiheit oder durch den Kauf von extrem energiesparenden Scheinwerfern. Schritt für Schritt versuchen wir, das Metropoltheater über das Künstlerische hinaus immer weiter zu einem sozialen, ökologischen, verantwortungsbewussten Gesamtprojekt zu machen.

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in eurer künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Künstlerisch ist hier sicherlich die Verleihung des Bayerischen Theaterpreises 2002 für unsere Produktion “Die drei Leben der Lucie Cabrol” zu nennen – das erste und einzige Mal, dass ein freiesTheater den Bayerischen Theaterpreis erhalten hat. Was das Haus selbst angeht, so gibt es zwei Meilensteine, die einen besonderen Platz bei uns einnehmen: 2013 ist es uns gelungen, als eigens gegründete Käufer*innengemeinschaft, bestehend aus Freund*innen und Mitarbeiter*innen des Theaters, nach langwierigen und schwierigen Verhandlungen mit den damaligen Besitzer*innen das Grundstück mitsamt dem Theater zu erwerben. Die damals im Raum stehende, drastische Mieterhöhung konnte somit abgewendet und sichergestellt werden, dass das Haus langfristig finanziell entlastet ist. Kurz gesagt: Wir standen vor dem Aus, und haben es sprichwörtlich in letzter Minute geschafft. Nur wenig später, im Herbst 2013, konnten wir unseren Anbau, das Café Metropol, inklusive einer zweiten Spielstätte, eröffnen, dessen Finanzierung zu einem Großteil viele großzügige Menschen, das treue Publikum, der Freundeskreis Metropoltheater e.V., mehrere Firmen und Sponsoren möglich gemacht haben.

“Psychose”, Premiere 2021 (Credits: Jean-Marc Turmes)

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtet ihr Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Grundsätzlich stehen wir hinter den Maßnahmen, auch denen, die uns hart treffen – momentan müssen das Virus und seine Ausbreitung bekämpft werden. Wenn man allerdings liest, dass Theater und Bordelle unter dem Stichwort “Freizeitgestaltung” in einem Atemzug genannt werden, dann bleibt einem doch ein bisschen die Luft weg. Abgesehen davon war die “Salamitaktik” bezüglich der Schließung bzw. Öffnung von Kulturstätten der Killer. Ein Kulturbetrieb kann nicht im Zwei-Wochen-Rhythmus rauf- und runterfahren – der gesamte Betrieb musste sich also bereithalten, es wurde vorgeplant und rückabgewickelt in allen Abteilungen, Spiel- und Dienstpläne wurden erstellt und wieder abgesagt, Projekte wurden konzipiert, abgeändert, angepasst und doch abgesagt, usw. Die Theater offiziell für drei oder vier Monate zu schließen und den Kulturschaffenden damit Planungssicherheit zu geben, wäre für alle besser und auch billiger gewesen.
Ein weiteres Problem ist die immer noch unzulängliche Situation der freien Künstler*innen, die bisher immer wieder durchs Raster gefallen sind. Denn der Großteil erzielt sein Einkommen aus unterschiedlichen Einkommensarten: Löhne, Honorare und unternehmerische Gewinnanteile aus umsatzsteuerbefreiten Künstler-GbRs, die wiederum Voraussetzung für die Aufnahme in die Künstlersozialkasse sind. Hierfür greift keines der existierenden Konzepte. Wir haben von Anfang gesagt, wir bezahlen unsere Künstler auf freiwilliger Basis für zugesagte und dann coronabedingt abgesagte Vorstellungen, und zwar nach den Kurzarbeit-Regeln. Wären unsere Künstler*innen allein auf die staatlichen Hilfe angewiesen, wäre das eine Katastrophe für sie gewesen. Wir unterstützen unsere Künstler*innen, wo es geht, aber das bedeutet eben auch, dass wir an unsere Rücklagen gehen müssen. Hier muss noch viel mehr und vor allem unkompliziertere Hilfe vom Staat kommen.
Zum guten Schluss ein Wort zu der immer wieder diskutierten Frage der “Systemrelevanz” von Kultur: Wir sehen, was momentan in unserer Gesellschaft passiert. Es geht im Moment nicht darum, ob man mal für eine Weile aufgrund einer Pandemie keine Kulturveranstaltungen besuchen kann. Es geht darum zu erkennen, dass es die größte Gefahr unserer Zeit ist, die identitätsstiftenden gesellschaftlichen Narrationen den rückwärtsgewandten Kräften zu überlassen. Denen, die glauben, im Müll der Geschichte Antworten auf die Herausforderungen dieser Zeit zu finden. In einer Zeit, in der das World Wide Web zu einem einzigen Echoraum mutiert ist, in dem nur die eigene Stimme widerhallt und verstärkt wird. Dem nichts entgegensetzen zu können, greift das Selbstverständnis des Großteils der Kulturschaffenden an. Das Theater ist der Raum, wo man ein wenig Ordnung in das Chaos bringen kann, das wir Leben nennen. Wo wir von der Widersprüchlichkeit, der Fehlbarkeit, der inneren Zerrissenheit und ja, auch der Endlichkeit des Menschen erzählen können. Dieser Raum fehlt jetzt, und deshalb ist das Gleichgewicht der verschiedensten Kräfte da draußen empfindlich gestört. Vielleicht ist Theater also nicht systemrelevant, es ist aber in jedem Fall demokratierelevant – darüber kann und muss gesprochen werden.

Wie kann man euch und eure Arbeit aktuell unterstützen?

Wir verzichten auf das Streamen von Theaterproduktionen, da wir der Meinung sind, es muss nicht immer ein (zumeist ja letztendlich unzulängliches) Substitut für alles gefunden werden. Abgesehen davon wäre ein hochqualitativer Mitschnitt eines Theaterabends, mit mehreren Kameras, Schnitt und Gegenschnitt, eben einer Extra-Bildregie, etwas, was für uns quasi nicht bezahlbar ist. Dafür haben wir letztes Jahr die Video-Reihe UTOPIA online gestellt, in der unsere Ensemblemitglieder während des ersten Lockdowns in Heimarbeit Clips verschiedenster Inhalte gedreht haben, in denen sie ihre Gedanken zur Zeit während und nach Corona verarbeitet haben. Diese Video-Reihe ist ungeheuer vielfältig und schillernd und kann auf unserem Youtube-Kanal angesehen werden.
Im April planen wir dann doch unseren ersten Livestream – allerdings nicht Theater, sondern Musik. Unser Ensemblemitglied James Newton hat seine erste Platte aufgenommen, im Gespräch mit Metropol-Leiter Jochen Schölch wird er über die Enstehungsgeschichte hinter diesem Album sprechen und die beiden werden natürlich auch in die Platte reinhören.
Unterstützung erfahren wir Gott sei Dank seit letztem Jahr von unserem Publikum auf unfassbar großartige und nicht versiegende Art und Weise – es wurde auf die Rückerstattung gekaufter Eintrittskarten verzichtet, viele Theaterfans sind unserem Freundeskreis beigetreten, haben dem Freundeskreis Geld gespendet, manche sogar mehrfach. Wir sind wirklich extrem dankbar für diese treue und großzügige Unterstützung, ohne die wir kaum durch diese Zeit gekommen wären. Natürlich ist und bleibt es trotzdem schwer, zumal wir ja weiterhin noch nicht spielen können. Wer uns also unterstützen möchte, findet auf unserer Homepage alle Infos zu einer Freundeskreis-Mitgliedschaft und/oder kann direkt online einmalig spenden. Das Allerwichtigste aber ist, dass unser Publikum wieder zu unseren Aufführungen kommt, sobald die Umstände einen Spielbetrieb wieder erlauben.