#freieszene: Metropoltheater München

Corona stellt gerade die freie Kulturszene vor bislang ungeahnte Herausforderungen. Doch wer sind die Künstler*innen, Theaterschaffenden und Netzwerkvertreter*innen, die mit ihrem Wirken die bayerische Szene prägen?
In einer neuen Interviewreihe stellt der Verband Freie Darstellende Künste Bayern e.V. seine Mitglieder vor.

Diese Woche: Das Metropoltheater in München.

Das Metropoltheater in München

Wo liegen die Schwerpunkte eurer Arbeit? Wie würdet ihr euer künstlerisches Profil beschreiben?

Unser Hauptanliegen ist es, Stücke zu zeigen, die gesellschaftspolitische Relevanz haben, und diese in bildstarken Produktionen auf die Bühne zu bringen. Wir möchten eine Geschichte erzählen und die Gedanken und Fantasie unserer Zuschauer anregen. Das Theater ist für uns ein Ort für politische Auseinandersetzung und Reflexion über unsere soziale Wirklichkeit, der Raum gibt für die vielen Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß, für die oftmals im Leben draußen kein Platz und keine Zeit ist. Vor allem aber ist es ein Ort der Erinnerung, nicht nur das Erinnern an unsere Geschichte, sondern ein Ort, der uns erinnert, wie es sich anfühlt, lebendig zu sein.

Seit wann besteht euer Theater und wie hat sich dieses seit der Gründung gewandelt?

Das Metropoltheater wurde 1998 gegründet, in einer Zeit, in der freie Theater in München eher schließen mussten als eröffnet wurden. Allen Unkenrufen zum Trotz („haltet ihr nicht durch“, „viel zu weit vom Stadtzentrum weg, da kommt keiner“, etc.) gehen wir nun also ins 23. Jahr. Unser Förderkreis, der Freundeskreis Metropoltheater München e.V., hat uns von Anfang unterstützt – inzwischen ist er der mitgliederstärkste Kultur-Förderverein Münchens. Kontinuierlich haben wir die Zahl der Vorstellungen und Gastspiele gesteigert, mittlerweile gastieren wir mit unseren Produktionen regelmäßig nicht nur in Bayern, sondern auch im Rest der Bundesrepublik, in Österreich, der Schweiz, Südtirol usw. In der Auswahl unserer Stücke sind wir immer politischer, gesellschaftlich relevanter geworden – wir wollen die sozialen Strömungen aufgreifen, zur Diskussion stellen, Missstände aufzeigen und Stellung beziehen, auf der Bühne aber auch hinter den Kulissen, sei es durch regionale, ökologische Produkte, die wir in unserem Cafébetrieb verwenden, die Verlegung unserer Konten zu einer grün-sozialen Bank, den Umbau zur Barrierefreiheit oder durch den Kauf von extrem energiesparenden Scheinwerfern. Schritt für Schritt versuchen wir, das Metropoltheater über das Künstlerische hinaus immer weiter zu einem sozialen, ökologischen, verantwortungsbewussten Gesamtprojekt zu machen.

Gibt es ein Ereignis oder Projekt, das in eurer künstlerischen Tätigkeit einen ganz besonderen Raum einnimmt?

Künstlerisch ist hier sicherlich die Verleihung des Bayerischen Theaterpreises 2002 für unsere Produktion “Die drei Leben der Lucie Cabrol” zu nennen – das erste und einzige Mal, dass ein freiesTheater den Bayerischen Theaterpreis erhalten hat. Was das Haus selbst angeht, so gibt es zwei Meilensteine, die einen besonderen Platz bei uns einnehmen: 2013 ist es uns gelungen, als eigens gegründete Käufer*innengemeinschaft, bestehend aus Freund*innen und Mitarbeiter*innen des Theaters, nach langwierigen und schwierigen Verhandlungen mit den damaligen Besitzer*innen das Grundstück mitsamt dem Theater zu erwerben. Die damals im Raum stehende, drastische Mieterhöhung konnte somit abgewendet und sichergestellt werden, dass das Haus langfristig finanziell entlastet ist. Kurz gesagt: Wir standen vor dem Aus, und haben es sprichwörtlich in letzter Minute geschafft. Nur wenig später, im Herbst 2013, konnten wir unseren Anbau, das Café Metropol, inklusive einer zweiten Spielstätte, eröffnen, dessen Finanzierung zu einem Großteil viele großzügige Menschen, das treue Publikum, der Freundeskreis Metropoltheater e.V., mehrere Firmen und Sponsoren möglich gemacht haben.

“Psychose”, Premiere 2021 (Credits: Jean-Marc Turmes)

Die gegenwärtige Situation stellt Künstler*innen vor existentielle Herausforderungen. Was möchtet ihr Politik und Gesellschaft vor diesem Hintergrund mit auf den Weg geben?

Grundsätzlich stehen wir hinter den Maßnahmen, auch denen, die uns hart treffen – momentan müssen das Virus und seine Ausbreitung bekämpft werden. Wenn man allerdings liest, dass Theater und Bordelle unter dem Stichwort “Freizeitgestaltung” in einem Atemzug genannt werden, dann bleibt einem doch ein bisschen die Luft weg. Abgesehen davon war die “Salamitaktik” bezüglich der Schließung bzw. Öffnung von Kulturstätten der Killer. Ein Kulturbetrieb kann nicht im Zwei-Wochen-Rhythmus rauf- und runterfahren – der gesamte Betrieb musste sich also bereithalten, es wurde vorgeplant und rückabgewickelt in allen Abteilungen, Spiel- und Dienstpläne wurden erstellt und wieder abgesagt, Projekte wurden konzipiert, abgeändert, angepasst und doch abgesagt, usw. Die Theater offiziell für drei oder vier Monate zu schließen und den Kulturschaffenden damit Planungssicherheit zu geben, wäre für alle besser und auch billiger gewesen.
Ein weiteres Problem ist die immer noch unzulängliche Situation der freien Künstler*innen, die bisher immer wieder durchs Raster gefallen sind. Denn der Großteil erzielt sein Einkommen aus unterschiedlichen Einkommensarten: Löhne, Honorare und unternehmerische Gewinnanteile aus umsatzsteuerbefreiten Künstler-GbRs, die wiederum Voraussetzung für die Aufnahme in die Künstlersozialkasse sind. Hierfür greift keines der existierenden Konzepte. Wir haben von Anfang gesagt, wir bezahlen unsere Künstler auf freiwilliger Basis für zugesagte und dann coronabedingt abgesagte Vorstellungen, und zwar nach den Kurzarbeit-Regeln. Wären unsere Künstler*innen allein auf die staatlichen Hilfe angewiesen, wäre das eine Katastrophe für sie gewesen. Wir unterstützen unsere Künstler*innen, wo es geht, aber das bedeutet eben auch, dass wir an unsere Rücklagen gehen müssen. Hier muss noch viel mehr und vor allem unkompliziertere Hilfe vom Staat kommen.
Zum guten Schluss ein Wort zu der immer wieder diskutierten Frage der “Systemrelevanz” von Kultur: Wir sehen, was momentan in unserer Gesellschaft passiert. Es geht im Moment nicht darum, ob man mal für eine Weile aufgrund einer Pandemie keine Kulturveranstaltungen besuchen kann. Es geht darum zu erkennen, dass es die größte Gefahr unserer Zeit ist, die identitätsstiftenden gesellschaftlichen Narrationen den rückwärtsgewandten Kräften zu überlassen. Denen, die glauben, im Müll der Geschichte Antworten auf die Herausforderungen dieser Zeit zu finden. In einer Zeit, in der das World Wide Web zu einem einzigen Echoraum mutiert ist, in dem nur die eigene Stimme widerhallt und verstärkt wird. Dem nichts entgegensetzen zu können, greift das Selbstverständnis des Großteils der Kulturschaffenden an. Das Theater ist der Raum, wo man ein wenig Ordnung in das Chaos bringen kann, das wir Leben nennen. Wo wir von der Widersprüchlichkeit, der Fehlbarkeit, der inneren Zerrissenheit und ja, auch der Endlichkeit des Menschen erzählen können. Dieser Raum fehlt jetzt, und deshalb ist das Gleichgewicht der verschiedensten Kräfte da draußen empfindlich gestört. Vielleicht ist Theater also nicht systemrelevant, es ist aber in jedem Fall demokratierelevant – darüber kann und muss gesprochen werden.

Wie kann man euch und eure Arbeit aktuell unterstützen?

Wir verzichten auf das Streamen von Theaterproduktionen, da wir der Meinung sind, es muss nicht immer ein (zumeist ja letztendlich unzulängliches) Substitut für alles gefunden werden. Abgesehen davon wäre ein hochqualitativer Mitschnitt eines Theaterabends, mit mehreren Kameras, Schnitt und Gegenschnitt, eben einer Extra-Bildregie, etwas, was für uns quasi nicht bezahlbar ist. Dafür haben wir letztes Jahr die Video-Reihe UTOPIA online gestellt, in der unsere Ensemblemitglieder während des ersten Lockdowns in Heimarbeit Clips verschiedenster Inhalte gedreht haben, in denen sie ihre Gedanken zur Zeit während und nach Corona verarbeitet haben. Diese Video-Reihe ist ungeheuer vielfältig und schillernd und kann auf unserem Youtube-Kanal angesehen werden.
Im April planen wir dann doch unseren ersten Livestream – allerdings nicht Theater, sondern Musik. Unser Ensemblemitglied James Newton hat seine erste Platte aufgenommen, im Gespräch mit Metropol-Leiter Jochen Schölch wird er über die Enstehungsgeschichte hinter diesem Album sprechen und die beiden werden natürlich auch in die Platte reinhören.
Unterstützung erfahren wir Gott sei Dank seit letztem Jahr von unserem Publikum auf unfassbar großartige und nicht versiegende Art und Weise – es wurde auf die Rückerstattung gekaufter Eintrittskarten verzichtet, viele Theaterfans sind unserem Freundeskreis beigetreten, haben dem Freundeskreis Geld gespendet, manche sogar mehrfach. Wir sind wirklich extrem dankbar für diese treue und großzügige Unterstützung, ohne die wir kaum durch diese Zeit gekommen wären. Natürlich ist und bleibt es trotzdem schwer, zumal wir ja weiterhin noch nicht spielen können. Wer uns also unterstützen möchte, findet auf unserer Homepage alle Infos zu einer Freundeskreis-Mitgliedschaft und/oder kann direkt online einmalig spenden. Das Allerwichtigste aber ist, dass unser Publikum wieder zu unseren Aufführungen kommt, sobald die Umstände einen Spielbetrieb wieder erlauben.

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